IT-Bildungskonzepte nach Mass
Willi Vollenweider gilt als Urgestein in der schweizerischen IT Aus- und Weiterbildung. Nach dem die von ihm gegründete Digicomp AG 2003 die Segeln streichen musste, gründete er das Zentrum für Informatik (ZFI), das er seither leitet. Im Gespräch mit ICTkommunikation gibt Vollenweider einen aktuellen Einblick in die Anforderungen, Bedürfnisse und Trends, die IT-Aus-und-Weiterbildungsbranche heute prägen.
Von: Karlheinz PichlerWilli Vollenweider (WV) gilt als Urgestein in der schweizerischen IT Aus- und Weiterbildung. Nach dem die von ihm gegründete Digicomp AG 2003 die Segeln streichen musste, gründete er das Zentrum für Informatik (ZFI), das er seither leitet. Im Gespräch mit ICTkommunikation gibt Vollenweider einen aktuellen Einblick in die Anforderungen, Bedürfnisse und Trends, die IT-Aus-und-Weiterbildungsbranche heute prägen.
ICTK: Wie beurteilen Sie die momentane Situation im ICT-Fachkräftebereich in der Schweiz? Hat sich die Mangelsituation aufgrund der Wirtschaftskrise und der damit zusammenhängenden Freisetzung vieler Informatiker gebessert oder wird sich die Lage weiter verschärfen – Stichwort etwa Generationenablöse?
WV: Ach, bitte keinen Katastrophenalarm! Der Ausgleich von Angebot und Nachfrage wird das regeln. Wir haben ja bekanntlich keine Planwirtschaft! Es gibt ja so viele Möglichkeiten, mehr als noch vor wenigen Jahren, allenfalls fehlenden eigenen Nachwuchs zu kompensieren: Verlagerungen ins Ausland, Personenfreizügigkeit mit der EU, und anderes. Ein Alarmzeichen wäre ein massives Ansteigen der Löhne. Dies ist nicht zu beobachten. Ich bin der Meinung, dass Informatiker wie viele Ingenieure auch, oft zu tief entlöhnt werden, vor allem in der Industrie. Den Beruf ergreift man deshalb darum, weil man vom Fachgebiet fasziniert ist und nicht wegen dem nicht vorhandenen Sozialprestige oder ebenfalls nicht vorhandenem sehr guten Verdienst. Als die ersten Hochschul-Informatiker ausbildet wurden, haben viele dieses Studium wegen der zu jener Zeit ausserordentlich guten Berufs-Start-Saläre gewählt. Das hat gewirkt. Diese Zeiten sind jedoch vorbei. Wenn es dann wirklich einmal zuwenig Informatiker (weltweit) gibt, wird das ganz natürlich wieder kommen.
ICTK: Der Beruf des Informatikers hat seit längerem auch ein Imageproblem. Die Zahlen der Studienanfänger in Informatik sind seit der Jahrtausendwende auf ein bedrohlich niedriges Niveau gesunken. Auch die Lehrstellen sind drastisch zurückgegangen. Hat sich das Bild durch die verschiedenen Kampagnen wie etwa Informatica 08 gebessert? Immerhin vermeldete die ETH wieder eine Zunahme der Informatikstudierenden und an den meisten Gymnasien wird jetzt Informatik als Ergänzungsfach unterrichtet.
WV: Ja, eine Volkswirtschaft wie die unsere lebt nicht von Absolventen schöngeistiger Studienrichtungen. Diese vielerorts fehlende Erkenntnis ist tatsächlich ein grosses Problem unserer Wohlstands-Gesellschaft. Viele Bürger und die Politik wissen grösstenteils nicht mehr, „woher der Stutz kommt“. Viele Studienabgänger entsprechender Fachgebiete suchen meist wenig fordernde Jobs in der schnell wachsenden Sozialindustrie, in der Migrantenindustrie, der aufgeblähten Staatsadministration sowie in der ineffizient gewordenen Staatsschule. Die Schaffung unzähliger neuer Stellen in den Ämtern, das Fehlen von Reformen im Staatswesen, die zunehmenden Bürokratie-Exzesse infolge der bilateralen Verträge, immer neue Gebühren und Abgaben, sind einige der Folgen dieser Geisteshaltung.
Eine ganz fragwürdige Rolle spielen dabei die Medien, allen vorab das (Staats-) Fernsehen. Hier wird den Jugendlichen (um die es hier geht) ein unglaublich verzerrtes Weltbild vorgegaukelt, mit Gewaltdarstellungen, Mord und Totschlag, Spiel- und Quiz-Sendungen, Selbstdarstellungen von Promis aller Art, Miss-Wahlen sowie billige amerikanische Serien, deren Ausstrahlung sich nur zum Zwecke des Besetzens von Sendefrequenzen erklären lässt.
Dies führt dann dazu, dass äusserst sinnvolle Anstrengungen wie beispielsweise „Schweizer Jugend Forscht“ bei vielen Jugendlichen unbekannt ist, da nicht medienpräsent. Vor allem das Fernsehen ist nur noch auf Effekthascherei ausgerichtet (Einschaltquoten, nicht der gesellschaftliche Nutzen bestimmt die Programmgestaltung). Dabei gibt es nichts faszinierenderes als das Wunderwerk der Natur und dazugehörend die Naturwissenschaften, zu denen die Ingenieurwissenschaften und damit die Informatik auch gehören.
Die Wahl der Fachrichtungen an den Mittelschulen ist eine direkte Folge solch unverantwortlicher Machenschaften. Zusätzlich wirkt sich bei den Mittelschulen der Rückgang des Männeranteils (heute: 40 Prozent) aus.
ICTK: Der Slogan des lebenslangen Lernens behält auch in der Krise seine Gültigkeit. Vielleicht erhält er in dieser Situation sogar eine ganz neue Qualität. Sind sich dessen die Schweizer Unternehmen gewiss?
WV: Um zu überleben, verzichten viele Firmen auf Weiterbildung dort, wo sich dies nicht unmittelbar negativ auf den Betrieb auswirkt. Das ist verständlich und nachvollziehbar. Dort, wo es jedoch um aktuelle, betriebsrelevante Weiterbildung geht, wird nach wie vor sehr wohl in die Weiterbildung investiert. Es wird aber sehr scharf auf die Effektivität der Bildungsmassnahme geschaut. Unternehmen legen selber kaumWert auf Herstellerzertifizierungen, ausser wenn sie offizielle Partner von Herstellern sind und die Spezialisten schon rein aus Marketing-Gründen mit Zertifikaten "ausschmücken" müssen.
Ganz allgemein möchte ich anmerken, dass in vielen Organisationen das "Bildungscontrolling" vernachlässigt wird. Unter "Bildungscontrolling" in unserem Bereich verstehe ich die Analyse der Effektivität konkreter Bildungsmassnahmen, selbstverständlich auch verbunden mit einer Kosten/Nutzen-Analyse sowie mit darauffolgenden Konsequenzen in der Wahl der Bildungsinstitute und Angebote.
ICTK: Neben den Technischen Hochschulen und Universitäten sowie den Fachhochschulen und Technikerschulen bieten sich Privatschulen neben den staatlichen Erwachsenenbildungseinrichtungen als dritte Kraft in der IT-Aus- und Weiterbildung an. Welchen Stellenwert messen Sie einer Einrichtung wie dem ZFI in dieser Trias bei?
WV: Pardon: In der IT-Weiterbildung sind die privatwirtschaftlichen Anbieter nicht die dritte Kraft, sondern die erste, historisch gesehen. Zuerst waren es die Hersteller, welche die Weiterbildung (ihrer Kunden) betrieben haben, um sicherzustellen, dass ihre Produkte überhaupt bedient werden konnten. Dann haben sich auch Hersteller-unabhängige Anbieter dazu gesellt, vor allem als nicht-proprietäre Systeme (Unix) aufkamen. Mit einigen Jahren Verspätung kamen dann in der Grundbildung auch staatliche Bildungsträger zum Einsatz. Seit ganz kurzem auch in der Weiterbildung, subventioniert natürlich.
Durch letzteres werden die privaten Anbieter nun plötzlich und in stark steigendem Mass konkurrenziert und teilweise in ihrer Existenz bedroht. Von "gleich langen Spiessen" kann nicht die Rede sein. Den Kunden ist es aber sowieso egal, ob eine ihm gegenüber erbrachte Dienstleistung subventioniert wird oder nicht. Er wählt das Angebot, das ihm aus seiner Sicht das beste Kosten/Nutzen-Verhältnis bringt.

