Eine Krise ist eine Krise ist (k)eine Krise

Verfasst von Marc Lutz, Direktor Hays AG, Zürich am 18.12.2011 - 10:55

Die offenen Stellen im schweizerischen Informatikjobmarkt sind zwar wieder rückläufig. Grund für ein Krisengeheul gibt es allerdings trotzdem noch nicht. Ein optimistischer Blick auf den IT-Stellenmarkt.

Gastkommentar von Marc Lutz, Direktor der Hays AG, Zürich, www.hays.ch

Ist die Krise vorbei? Befinden wir uns noch in einer Phase des Wachstums oder bereits im Abschwung? Wo endet eine Krise und wo beginnt die nächste? Die Wirtschaft und die Märkte befinden sich seit einiger Zeit auf einer wilden Achterbahnfahrt. Krisen und Boom wechseln sich so schnell ab, dass man kaum noch nachkommt.

Aus Sicht des Rekrutierers von IT-Spezialisten in der Schweiz müsste man wohl sagen: Wir erleben eine Phase abschwächenden Wachstums. Die einzelnen Phasen sind zurzeit aber nur schwer auseinanderzuhalten, denn anders als bisher gewohnt, gibt es nicht nur eine Wirtschaftskrise, die alle betrifft. Interessanterweise existieren in der aktuellen, übergreifenden Wirtschaftskrise verschiedene, industrieabhängige Zyklen.

Wie rosig sieht das HR die Zukunft?

Deutliche Anzeichen eines Abschwungs, was die Rekrutierung angeht, zeigt die Finanzbranche. Erste Signale waren schon vor einem halben Jahr auszumachen. Seit September ist deutlich, dass sich mittlerweile viele grosse Banken einen Einstellungsstopp auferlegt haben. So haben etwa die grössten 50 Unternehmen des Sektors im Vergleich zum Januar dieses Jahres ein Fünftel weniger Stellen ausgeschrieben. Anders die kleineren und Privatbanken: Sie besetzen auch im gegenwärtigen Klima noch offene Informatikstellen neu.

Ein differenzierteres Bild bietet die restliche Wirtschaft. Einige Branchen befinden sich derweil noch in einer Wachstumsphase. Besonders die Bauindustrie hebt derzeit ab. Davon können auch die Stellensuchenden in der IT durchaus profitieren, schliesslich ist die IT sowohl Branche als auch Funktion. Auch wenn die IT als Branche mehrheitlich nicht mehr einstellen würde, hiesse das noch lange nicht, dass keine IT-Stellen in anderen Branchen offen wären. Trotzdem garantiert auch ein brummendes Geschäft keine offenen Stellen. Denn letztlich geht es im HR-Bereich immer um das subjektive Empfinden der Entscheidungsträger: Wie rosig sieht das Unternehmen die Zukunft? Befindet sich die Börse auf Talfahrt, kann das schon beträchtliche Unsicherheit im Management auslösen, selbst bei gefüllten Auftragsbüchern. Während manche Firmen dann noch investieren, drücken andere bereits kräftig auf die Bremse.

Ein Rückgang macht noch keine Krise

Seit kurzem ist denn auch abzusehen, dass sich einige Arbeitgeber eine gewisse Zurückhaltung auferlegen. Offenbar wollen diese Unternehmen die Entwicklung der nächsten Monate abwarten. Von einer allgemeinen Krise kann aber bei aller Vorsicht einiger Unternehmen noch nicht gesprochen werden. Dazu lag das Niveau der offenen Stellen in den letzten Monaten zu hoch. Noch im August waren Spezialisten für Java- und Webentwicklung sowie allgemein Anwendungsentwickler gesuchte Leute. Wenn die Anfragen nun etwas zurückgehen, heisst das noch nicht, dass es mit der Knappheit geeigneter Kandidaten vorbei ist. Im Vergleich zu den letzten Monaten mag es etwas ruhiger geworden sein, dennoch wird nach wie vor viel Personal gesucht. Und entlassen werden Informatikmitarbeiter selbst im Bankensektor bisher kaum. Zurzeit befinden wir uns in einer Wartestellung: In welche Richtung das Pendel danach ausschlagen wird, weiss derzeit noch niemand. Ich persönlich bin vorsichtig optimistisch.