Gemäss einer neuen Studie der Personalberatungsfirma Michael Page wandelt sich der Rekrutierungsprozess durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) rasant. Wobei allerdings Kandidatinnen und Kandidaten deutlich schneller als Unternehmen davon profitieren. Für die Analyse hat der Personalberater weltweit über 60'000 Fachkräfte befragt, darunter 1220 in der Schweiz.
Wie aus der Studie hervorgeht, nutzen bereits 86 Prozent der Schweizer Stellensuchenden KI bei der Jobsuche, verglichen mit 69 Prozent der Arbeitgeber, die KI in Rekrutierungsprozessen einsetzen. Allerdings sagen nur 39 Prozent der Arbeitgeber, dass KI-unterstützte Bewerbungen die Wahrscheinlichkeit einer Anstellung erhöhen, was auf eine wachsende Diskrepanz hinweist.
"KI hat die Regeln der Rekrutierung nicht neu geschrieben – aber sie hat das Tempo erhöht", kommentiert Yannick Coulange, Managing Director von Pagegroup Switzerland. "Die Kandidatinnen und Kandidaten haben sich bereits angepasst; die Rekrutierungsprozesse holen erst langsam auf."
Während Kandidatinnen und Kandidaten KI nutzen, um Lebensläufe und Bewerbungen zu optimieren, setzen Arbeitgeber KI für Screening und Kommunikation ein, so die Studie. Dies führe jedoch zu immer perfekteren Bewerbungen – und zu neuen Herausforderungen bei der Beurteilung echter Fähigkeiten. 41 Prozent der Hiring Manager geben an, unsicher zu sein, ob Bewerbungen vollständig KI-generiert oder mit KI überarbeitet wurden, was eine Beurteilung erschwere.
"Je perfekter KI Bewerbungen macht, desto weniger aussagekräftig wird der ‚perfekte Lebenslauf‘", betont Coulange weiters. "Der Fokus verlagert sich auf das, was KI nicht nachbilden kann: Urteilsvermögen, Kommunikations- und Entscheidungsfähigkeiten in realen Situationen."
Insgesamt sind es mehrere Trends, die den Übergang zu einem kompetenzbasierten Recruiting in der Schweiz beschleunigen. So geben 56 Prozent der Kandidatinnen und Kandidaten an, dass sie sich eher bewerben würden, wenn Fähigkeiten das wichtigste Element einer Stellenausschreibung wären, während 38 Prozent der Arbeitgeber Kompetenzen höher gewichten als Ausbildung oder beruflichen Werdegang. 30 Prozent der Hiring Manager sagen, sie hätten Schwierigkeiten, Kandidatinnen und Kandidaten mit den benötigten Fähigkeiten zu finden. Hiring Manager legen demnach zunehmend Wert auf Anpassungsfähigkeit, zwischenmenschliche Kompetenzen und kontinuierliches Lernen – Eigenschaften, die sich nur schwer automatisieren lassen.
"Technologie kann das Recruiting unterstützen, aber sie kann Potenzial nicht definieren", so Coulange. "Für Organisationen, die tatsächliche Fähigkeiten beurteilen und nicht nur perfekt formulierte Bewerbungen, wird der Talentpool breiter und besser."
Neben Künstlicher Ingelligenz prägt der Untersuchung zufolge die Möglichkeit flexiblen Arbeitens die Entscheidungen von Kandidatinnen und Kandidaten: 65 Prozent würden einen Stellenwechsel in Betracht ziehen, wenn sie häufiger im Büro präsent sein müssten.
Die Work-Life-Balance ist inzwischen wichtiger als Gehalt und Jobsicherheit, wenn es um einen Jobwechsel geht. 41 Prozent der Fachkräfte befürchten, bei einem Stellenwechsel ihre Work-Life-Balance zu verlieren.
"Klarheit und Vertrauen werden im Recruiting immer wichtiger", konstatiert Coulange. "Kandidatinnen und Kandidaten möchten nicht nur die Rolle genau verstehen, sondern auch wissen, wie sich der Job in ihr Leben einfügt."
Obwohl KI Prozesse beschleunigt, wird aus dem Report ersichtlich, dass Rekrutierung grundsätzlich ein von menschlichen Komponenten geprägter Prozess bleibt. "KI sollte menschliches Urteilsvermögen unterstützen – nicht ersetzen“, resümiert Coulange. "Erfolgreich sind Organisationen, die Geschwindigkeit mit Vertrauen verbinden – und Technologie mit echter menschlicher Nähe."
