Das kalifornische KI-Unternehmen OpenAI lancierte Herbst 2022 das Sprachmodell Chat GPT. In der Folge entwickelten viele andere Digitalunternehmen wie Alphabet, Meta oder Anthropic ähnliche Sprachmodelle (Large Language Models, kurz LLMs), welche schnell Einzug in die Arbeitswelt fanden. Inwieweit Künstliche Intelligenz (KI) und speziell LLMs auf dem Schweizer Arbeitsmarkt sichtbare Spuren hinterlassen haben, untersuchete Ökonomen Jeremias Klaeui und Michael Siegenthaler vom Konjunktur-Forschungsinstitut der ETH Zürich (KOF) im Rahmen einer Studie mit dem Titel "KI und der Schweizer Arbeitsmarkt: Erste Evidenz zu Auswirkungen auf Arbeitslosigkeit und Stellenausschreibungen".
Die Studie überträgt erstmals Methoden und KI-Betroffenheitsmasse auf Schweizer Arbeitsmarktdaten, die für ähnliche Analysen zum US-Arbeitsmarkt entwickelt wurden. Die Studienautoren analysieren darin, ob Berufe mit hoher KI-Betroffenheit andere Trends bei Arbeitslosigkeit und Stellenausschreibungen zeigen als Berufe mit niedriger Betroffenheit, vor und nach der Einführung der grossen Sprachmodelle im Herbst 2022. Zu den am stärksten KI-exponierten Berufen zählen Kodierer und Korrekturleser sowie Anwendungsprogrammierer. Geringe Betroffenheit weisen dagegen Tätigkeiten wie Reinigungspersonal, Hauswarte oder Beschäftigte in Nähberufen auf.
Die statistische Untersuchung der Autoren zeigt: Nach der Einführung von Chat GPT und anderen LLMs im Herbst 2022 ist die Arbeitsmarktentwicklung in Berufen mit hoher LLM-Betroffenheit deutlich weniger erfreulich als in Berufen mit geringer Betroffenheit. Dieses Ergebnis zeigt sich in zwei unabhängigen Datenquellen und für zwei unterschiedliche Masse für KI-Betroffenheit.
Programmierer und Softwareentwickler sind KI-Verlierer
In administrativen Arbeitsmarktdaten, welche alle Stellensuchenden erfassen, die auf Schweizer Arbeitsämtern registriert sind, beobachten die Studienautoren, dass die Zahl der Stellensuchenden ab November 2022 in stark exponierten Berufen um durchschnittlich 27 Prozent stärker steigt als in wenig KI-exponierten Berufen. In Stelleninseratsdaten eines privaten Datenanbieters, welche praktisch den ganzen Schweizer Online-Stellenmarkt abdecken, sehen sie konsistenterweise, dass die Zahl der Stellenausschreibungen in hochexponierten Berufen im gleichen Zeitraum deutlich stärker zurückging als in weniger exponierten Berufen. Besonders sichtbar ist der relative Anstieg der Arbeitslosigkeit demnach bei Anwendungsprogrammierern, Softwareentwicklern, Systemanalytikern, Journalistinnen und Fachkräften in Werbung und Marketing.
Da die Analyse auf Unterschiede in der Entwicklung zwischen den Berufsgruppen fokussiert, werden allgemeine Entwicklungen, die alle Berufe gleich betreffen, herausgerechnet – etwa die generelle konjunkturelle Entwicklung des Schweizer Arbeitsmarkts. Die Studie zeigt, dass sich die Arbeitslosigkeit und die Zahl offener Stellen in unterschiedlich stark betroffenen Berufsgruppen vor der Einführung generativer KI-Modelle während Jahren ähnlich entwickelten. Erst gegen Ende 2022 verändern sich diese Muster. Das weist recht stark auf einen Zusammenhang mit den eingeführten KI-Modellen hin.
Ein weiteres Ergebnis der Studie: Die Effekte fallen nach Altersgruppen leicht unterschiedlich aus: Die Zahl registrierter Stellensuchenden steigt bei unter 50-Jährigen in der relativen Betrachtung der Studie etwas stärker als bei älteren Beschäftigten. Im Gegensatz zur USA, wo die Arbeitsmarkteffekte generativer KI-Modelle bei Jüngeren konzentriert sind, sind die Unterschiede nach Altersgruppe in der Schweiz allerdings weniger ausgeprägt.
Wichtig sei zudem, dass sich diese Effekte im Kontext einer wachsenden Gesamtbeschäftigung vollzögen: Die KOF-Ergebnisse messen demnach nicht den Effekt der KI auf Gesamtbeschäftigung, sondern relative Verschiebungen zwischen Berufsgruppen, die unterschiedlich stark von KI betroffen sind. Da KI die Firmen in der Schweiz plausiblerweise produktiver machten, dürfte sich dies auch positiv auf die Gesamtbeschäftigung auswirken, etwa weil Produkte und Dienstleistungen günstiger werden und den Konsumentinnen und Konsumenten daher mehr Geld für andere Konsumausgaben übrigblieben.
Diese positiven gesamtwirtschaftlichen Effekte von KI bleiben in der Studie weitgehend ausgeblendet. "Insgesamt deuten die Resultate aber recht stark darauf hin, dass generative KI hinter dem zuletzt beobachteten Anstieg der Arbeitslosigkeit in einigen stark KI-exponierten Berufen steht", kommentiert Siegenthaler die Studie.
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